Babys lieben Violett, Rot, Orange und Blau

Das Farbensehen entwickelt sich bei Säuglingen erst – und damit verändern sich auch die Vorlieben

Viele Eltern lieben helle Pastellfarben für die Einrichtung des Kinderzimmers: Rosa oder Hellblau für das Bettchen, pudriges Gelb für die Vorhänge, helles Beige für den Teppich und lindgrün für die Wickelkommode sind häufig ausgewählte Farben. Die Kleinen selber würden jedoch völlig andere Farben auswählen, zeigen neue Forschungsergebnisse: Viel knalliges Rot und leuchtendes Violett, aber nur wenig Blau und auf keinen Fall Braun. Im Gegensatz zu Rot können kleine Kinder Blau nämlich nur schlecht wahrnehmen – und Braun mögen sie einfach nicht.

Direkt nach der Geburt ist die Welt der Kleinen zwar nicht ausschließlich schwarz-weiß, aber auch noch nicht richtig bunt. Am besten wahrnehmen können Neugeborene Rot, haben kanadische Forscher entdeckt: In einer Studie folgten fast alle getesteten Säuglinge einem roten Fleck mit den Augen, der auf einem grauen Hintergrund hin und her bewegt wurde. Grüne Punkte fesselten dagegen nur bei etwas mehr als einem Drittel der Kleinen die Aufmerksamkeit, während gelbe Flecken von ungefähr einem Viertel bemerkt wurden.

Mit Blau haben die Kleinen die größten Schwierigkeiten. Der Grund: Die so genannten s-Zapfen, die für das Sehen von kurzwelligem Licht verantwortlich sind, entwickeln sich als letzte der drei Zapfentypen. Das zeigte sich auch in der kanadischen Studie, in der nur gut zehn Prozent der Neugeborenen einen blauen Punkt erkennen konnten.

Im Lauf der ersten Lebensmonate wird das Farbensehen der Kinder immer besser. Im Alter von drei Monaten haben dann alle drei Zapfentypen in der kindlichen Netzhaut die Arbeit aufgenommen, und die Kleinen können schon fast so viele Farben unterscheiden wie Erwachsene. Und genau wie Erwachsene erkennen auch schon kleine Kinder, dass Farben wie Blau, Gelb, Rot und sogar Mischfarben wie Rosa und Braun in unterschiedliche Farbkategorien gehören.

Lediglich mit der Sensitivität hapert es noch etwas: Da die so genannte Reizschwelle der Kinderaugen höher liegt als die von Erwachsenen, müssen die Farben leuchtender und kontrastreicher sein, damit Kinder sie sehen können. Erst im Teenager-Alter können Heranwachsende zarte Farben genauso gut unterscheiden wie Erwachsene.

Doch trotz ihres eingeschränkten Farbensehens ist auch für die Kleinsten Farbe nicht gleich Farbe. Schon im Alter von etwa vier Monaten haben Kinder eindeutig Lieblingsfarben, hat die britische Psychologin Anna Franklin entdeckt. In ihrem "Baby Lab" an der Universität von Surrey hat die Wissenschaftlerin mittlerweile die Farbvorlieben mehrerer hundert Kleinkinder untersucht. Da die kleine Probanden noch nicht sprechen können, greift die Psychologin dabei zu einem Trick: Sie lässt die Kinder auf einem Monitor immer zwei Farben gleichzeitig betrachten und filmt dabei die Gesichter der Kleinen. Auf den Aufnahmen kann sie dann später deutlich erkennen, welche Farbe eines Paares zuerst die Aufmerksamkeit der Kinder weckt und welche sie am längsten betrachten.

Auch wenn die Studie noch nicht abgeschlossen ist und die endgültigen Ergebnisse noch fehlen, haben sich bereits deutliche Farbvorlieben und -abneigungen herauskristallisiert, berichtet die Wissenschaftlerin: Babys lieben Violett, Rot, Orange und Blau. Nicht so begeistert sind sie von Gelb und Grün, und gegen Braun haben sie eine richtige Abneigung.

Herauszufinden, welche Farben kleine Kinder mögen und welche nicht, ist dabei nicht nur ein Zeitvertreib für die Forscher: Nur wenn man weiß, was Babys sehen und wie sie bestimmte Reize empfinden, kann man verstehen, wie sie mit ihrer Umgebung interagieren. Außerdem erhoffen sich die Wissenschaftler aus ihren Studien neue Erkenntnisse darüber, wie sich das Gehirn entwickelt, um später Krankheiten und Wahrnehmungsstörungen besser behandeln zu können. Und natürlich interessieren sich auch Spielzeughersteller für die Lieblingsfarben der Kleinen – schließlich steht zu vermuten, dass sie Spielzeuge in ihren bevorzugten Farben anderen Spielsachen vorziehen.


Quelle des Textes und weitere Informationen:

* Website der Baby Labs

* farbimpulse - Das Onlinemagazin für Farbe in Wissenschaft und Praxis